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Sprachstörungen im frühen KindesalterVon Beatrix WilmesSprechen lernen ist eine der schwierigsten Herausforderungen für kleine Kinder. Immer mehr von ihnen meistern diese Aufgabe verspätet oder mangelhaft. Wissenschaftler gehen davon aus, dass mittlerweile schon mindestens 20 Prozent der drei- bis sechsjährigen Kinder behandlungsbedürftige Sprach- beziehungsweise Sprechstörungen haben: Tendenz steigend. Eltern, deren Vierjähriger nur das sch nicht richtig aussprechen kann oder Sätze falsch baut, müssen keine Angst haben. Denn erst, wenn ein Kind auf mehreren Ebenen der Sprachentwicklung größere Schwierigkeiten hat, sprechen die Fachleute von einer Sprachentwicklungsverzögerung. Die vier Sprachebenen Wortschatz: Das Kind muss einen altersgemäßen aktiven und passiven Wortschatz haben. Grammatik: Das Kind muss seine Gedanken in eine grammatikalisch korrekte Wortfolge bringen. Das Kind muss Sprache verstehen. Artikulation: Das Kind muss Wörter korrekt und verständlich aussprechen. Kommunikation: Das Kind muss in der Lage sein, sich im Alltag sprachlich zu äußern. Sprachgestörte Kinder haben zum Beispiel einen geringen Wortschatz, können keine längeren Sätze bilden und verstehen deshalb seltener Sinnzusammenhänge. Nicht alle Erstklässler sind heute in der Lage, den Unterricht mit ausreichendem Sprachverständnis zu verfolgen und sich entsprechend ihres Alter auszudrücken. Mangelndes Sprachvermögen zieht häufig schulisches Versagen nach sich. Kinder, die bei der Anmeldung zur Grundschule von Lehrern und medizinischem Dienst aufgrund ihrer Sprachentwicklung als noch nicht schulfähig eingestuft werden, werden zurückgestellt oder ihnen wird eine Einschulung in der Sprachheilschule empfohlen. Eine Sprachheilschule ist eine Schule mit speziellem Förderangebot für Kinder, deren Sprachentwicklung erheblich verzögert ist. Ziel ist es, dass diese Kinder nach ein bis zwei Jahren auf eine normale Grundschule wechseln können. Die Schülerzahlen der Sprachheilschulen sind in den letzten Jahren erheblich angestiegen. Ursachen Die Ursachen für sprachliche Probleme sind vielfältig. Den Hauptgrund für die starke Zunahme sehen Experten heute immer mehr im sozialen Bereich angesiedelt. Gibt es in der Familie sprachliche Anreize für Kinder? Unterhalten sich die Eltern mit dem Kind und untereinander? Aber auch: Wer viel vor dem Fernseher oder dem PC sitzt, kann sich kaum unterhalten. Zudem treten sprachliche Anregungen wie Geschichten vorlesen oder das Aufsagen von Gedichten in vielen Familien immer mehr in den Hintergrund. Im Gegensatz zu der weit verbreiteten Ansicht, das wächst sich schon aus, weisen Therapeuten darauf hin, dass sich Sprachstörungen und Verzögerungen in vielen Fällen nicht von selbst bessern. Generell benennen Fachleute mehrere Ursachenkomplexe, die sich auch gegenseitig bedingen können. Organische Ursachen, zum Beispiel Hörstörungen, Fehlbildungen im Nasenrachenraum. Zu wenig Anregungen, kein Üben von Sprache in Elternhaus und Umfeld. Psychische Ursachen, zum Beispiel Konflikte in der Familie, Überbehütung. Erbliche Ursachen, zum Beispiel Probleme von Eltern und/oder anderen Familienmitgliedern in ihrer Sprachentwicklung. Zweisprachige Erziehung.
Stufen der Entwicklung Jedes Kind hat eine individuelle Sprachentwicklung. Auch wenn das Tempo verschieden ist, so erwirbt das Kind Laute und grammatikalische Formen doch in einer bestimmten Reihenfolge. Die folgende Tabelle bietet eine grobe Orientierung für die Einschätzung der Sprachfähigkeit eines Kindes.
3 Monate: Reagiert auf Geräusche, Stimme, Musik. 6 Monate: Macht Lippengeräusche, lallt. 12 Monate: Sagt Doppelsilben und eventuell seine ersten Wörter. 18 Monate: Sagt einige verständliche Worte. 2 Jahre: Sagt Zwei-Wort-Sätze wie: Papa geht. 3 Jahre: Das Kind lernt, Sätze aus drei bis vier Wörtern mit kindgemäßer Grammatik zu sprechen. 3 1/2 Jahre: Der Wortschatz nimmt zu, und das Kind wird immer sprechfreudiger. Einschulungsalter: Die Sprache ist jetzt komplett in Form und Struktur. Therapie Anhaltspunkte zur Sprach- und Sprechentwicklung bieten die bei fast allen Kinderärzten und Sprachtherapeuten aushängenden Entwicklungstafeln. Sollten Eltern den Eindruck haben, dass ihr Kind eine Sprach- oder Sprechverzögerung hat, sollten sie spätestens bei der U8 den Kinderarzt darauf ansprechen. Nach Abklärung möglicher organischer Ursachen wird der Kinderarzt dann eine Überweisung an einen HNO-Arzt (zum Beispiel bei Hörstörungen) oder eine entsprechende Überweisung zu einer Erstuntersuchung bei einem Sprachtherapeuten/ Logopäden ausstellen. Sollte der Therapeut eine Sprach- oder Sprechstörung feststellen, wird eine individuell abgestimmte Therapie durchgeführt. Die Kosten dafür übernimmt die Krankenkasse. Generell gilt: Je früher eine Therapie beginnt, desto erfolgreicher wird sie sein. Tipps und Möglichkeiten zur sprachlichen Förderung Ermuntern Sie Ihr Kind, zu sprechen. Fragen Sie nach: Wie war es heute im Kindergarten oder in der Schule? Der Alltag von Eltern ist oft anstrengend. Dennoch: Versuchen Sie, Sprachinseln zu schaffen, 10 bis 15 Minuten, in denen Sie sich nur mit dem Kind beschäftigen, etwas vorlesen, Sätze und Wörter üben, eine Geschichte erzählen. Bei kleinen Kindern die alltäglichen Verrichtungen wie Tisch decken oder anziehen mit Sprache begleiten. Die Kinder toben und Sport treiben lassen, denn Grob-, Fein- und Artikulationsmotorik hängen zusammen. Singen, Sprachspiele und Abzählverse fördern das Gefühl für den Rhythmus der Sprache. Wattepusten und mundmotorische Übungen verbessern die Beweglichkeit der Lippen, Wange und Zunge. Kritisieren Sie Ihr Kind nicht wegen seiner Fehler. Bieten Sie ihm das richtige Wort, die richtige Formulierung mehrfach an. Das Kind zu verstehen versuchen, auch wenn es noch undeutlich spricht. Es braucht das Gefühl, dass es verstanden wird. Kontaktadressen: Ausführliche Informationen, Verzeichnisse von Therapeuten und Logopäden sowie Broschüren und Literaturtipps erhalten Sie bei: Deutsche Gesellschaft für Sprachheilpädagogik e.V. Goldammerstr. 34 12351 Berlin Tel. (0 30) 6 61 60 04 Fax (0 30) 6 61 60 24 Internet: www.dgs-ev.de E-Mail: info@dgs-ev.de Deutscher Bundesverband der Sprachheilpädagogen e.V. Goethestr. 16 47441 Moers Tel. (0 28 41) 98 89 19 Fax (0 28 41) 98 89 14 Internet: www.dbs-ev.de E-Mail: info@dbs-ev.de Deutscher Bundesverband für Logopädie e.V. Bundesgeschäftsstelle Augustinusstr. 11 a 50226 Frechen Tel. (0 22 34) 69 11 53 Fax: (0 22 34) 96 51 10 Internet: www.dblev.de E-Mail: info@dbl-ev.de Rat und Hilfe erhalten Sie auch beim: Zentrum für Frühbehandlung und Frühförderung Geschäftsstelle Maarweg 130 50825 Köln Tel. (02 21) 95 42 50 40 Fax (02 21) 95 42 50 55 Internet: www.fruehbehandlung.de E-Mail: kontakt@fruehbehandlung.de |
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