Tausendmal berührt,
tausendmal ist nichts passiert... heißt ein berühmter Hit der
Klaus-Lage-Band. In diesem Bericht geht es mehr um Berührungen
(Tausendmal berührt), z.B. Zärtlichkeiten, Küssen, Petting,
Selbstbefriedigung und gleichgeschlechtliche Kontakte, aber nicht um
Geschlechtsverkehr (nichts passiert) unter Jugendlichen.
Schmusen, Küssen und
Streicheln sind für jeden Menschen in jeder Lebensphase wichtig. Der
Austausch von Zärtlichkeiten beruhigt, entspannt, tröstet, fördert das
Wohlbefinden und die Gesundheit. Während Kinder mit ihren Eltern,
Geschwistern, Freunden/-innen oder anderen Personen aus Bedürfnis nach
sozialem Kontakt und körperlicher Nähe schmusen, beinhalten die Zärtlichkeiten
unter Jugendlichen zusätzlich einen sexuellen Impuls. Durch Schmusen, Küssen
und Berühren lernen sie ihren Körper und den ihres Partners/ihrer
Partnerin kennen, sie können Gefühle ausdrücken und sich sehr nahe
sein. In Gesellschaften, in denen der Geschlechtsverkehr vor der Ehe nicht
selbstverständlich ist, sind Zärtlichkeiten und Petting für ein unverheiratetes Paar die
einzige Möglichkeit der sexuellen Annäherung. Ebenso auch bei Erwachsenen,
die Geschlechtsverkehr haben, spielen Zärtlichkeiten eine große Rolle
oftmals eine größere als der Geschlechtsverkehr. Schmusen und
Streicheln gehören nicht nur fest zum Liebesakt selbst, sondern sind eine
Form des Ausdrucks von liebevollen Gefühlen in jeder Alltagssituation.
Sie nehmen damit einen größeren Raum im Sexualleben der meisten Menschen
ein als der Geschlechtsverkehr.
Im folgenden wird beschrieben,
wie viele Jugendliche Erfahrungen mit verschiedenen sexuellen
Verhaltensweisen (außer Geschlechtsverkehr) haben, wie sie dazu
eingestellt sind und was ihnen in ihrem Sexualleben wichtig ist.
Bedeutung verschiedener sexueller Verhaltensweisen
Zärtlichkeiten, Schmusen und
Küssen werden von Jugendlichen als weitaus wichtiger in ihrem Sexualleben
eingeschätzt als Petting, Geschlechtsverkehr oder Selbstbefriedigung.
Diese Sichtweise ist nicht nur unter Jugendlichen verbreitet, sondern in
der gesamten Bevölkerung. Es gibt jedoch einige Unterschiede zwischen
Jungen und Mädchen und zwischen Jugendlichen verschiedenen Alters. Für Mädchen
sind Zärtlichkeiten noch wichtiger als für Jungen. Diese messen hingegen
dem Geschlechtsverkehr und der Selbstbefriedigung größere Bedeutung bei
als Mädchen. Für 14-Jährige (vor allem für Jungen) ist
Selbstbefriedigung neben den Zärtlichkeiten mit Abstand die wichtigste
sexuelle Verhaltensweise. Für 15-Jährige ist Schmusen und Küssen,
aber auch Petting eher von Bedeutung. 16-Jährigen ist Genitalpetting
vergleichsweise am wichtigsten. 17-Jährige ist der Geschlechtsverkehr
wichtiger als jüngeren. Insgesamt nimmt die Bedeutung des
Geschlechtsverkehrs mit zunehmendem Alter zu und die Bedeutung der
Selbstbefriedigung ab. Petting ist für 15- und 16-Jährige wichtiger als
für jüngere Befragte, wohingegen es für ältere Jugendliche weniger
wichtig ist.
Erfahrungen mit Schmusen und Küssen
Etwa ein Viertel der 14- bis
17-jährigen Jugendlichen hat noch nie einen Jungen bzw. ein Mädchen geküßt
und mit ihm/ihr geschmust. Als häufigster Grund wurde genannt, daß den
Jugendlichen bisher der richtige Junge/das richtige Mädchen fehlte. Viele
Jungen halten sich selbst für zu schüchtern und haben Angst, sich
ungeschickt anzustellen. Ein Teil der Mädchen hält sich ebenfalls für
zu schüchtern und für zu jung. Aber auch andere Gründe wie fehlendes Interesse
oder Angst,
daß die Eltern es erfahren könnten, tragen dazu bei, daß ein Teil der befragten Jugendlichen noch keinerlei
Erfahrungen mit Schmusen und Küssen gesammelt hat.
76,9% der 14- bis 17-jährigen
Jungen haben schon einmal ein Mädchen und 77,9% der Mädchen haben schon
einmal einen Jungen geküßt und mit ihm/ihr geschmust. Beim ersten Kuß
waren die Jungen im Durchschnitt 12,8 Jahre und die Mädchen 13,0 Jahre
alt.
Zum Ablösungsprozeß von den
Eltern gehört es dazu, daß Jugendliche sich den elterlichen Berührungen
und Zärtlichkeiten, die sie als Kinder noch gerne hatten, nach und nach
entziehen. So verwundert es auch nicht, daß nur knapp die Hälfte der
befragten Jugendlichen körperliche Berührungen mit Familienangehörigen
und Bekannten schätzt. Mädchen in der Pubertät lassen sich noch eher
von Familienangehörigen und Freunden gerne berühren als Jungen. 84,1%
der Jugendlichen wollen vor allem vom festen Freund/von der festen
Freundin berührt werden. In dieser Abwendung vom Personenkreis der
Kindheit und der Zuwendung zu einem Sexualpartner/ einer Sexualpartnerin
zeigt sich deutlich, wie sich Charakter und Bedeutung von körperlichen
Berührungen in der Pubertät verändern.
Erfahrungen mit Petting
Fast drei Viertel der Jugendlichen mit
ersten sexuellen Erfahrungen hatten ihren Freund/ihre Freundin schon geküßt.
Etwas mehr als die Hälfte hatte Erfahrungen mit Brustpetting und über
ein Drittel mit Genitalpetting.
Von den Jugendlichen mit
Pettingerfahrungen hatte etwa ein Drittel 2- bis 10mal und etwa die Hälfte
schon mehr als 10mal Petting gehabt. Knapp die Hälfte der Jungen und über
die Hälfte der Mädchen hatten Petting mit einem Partner/einer Partnerin,
aber keinen Geschlechtsverkehr. Ein Viertel der Jungen und ein Fünftel
der Mädchen hatten mit zwei Partnern/-innen, und 15% der Jungen und 9,1%
der Mädchen hatten mit drei und mehr Partnern/-innen
Petting ausgeführt, ohne daß es dabei zum Geschlechtsverkehr kam.
Erfahrungen mit Selbstbefriedigung
76,4% der 14- bis 17-jährigen
Jugendlichen halten Selbstbefriedigung nicht für eine Ersatzhandlung,
sondern für eine eigenständige sexuelle Verhaltensweise. Mädchen
(80,0%) meinen dies eher als Jungen (72,7%). Jugendliche haben damit eine
etwas progressivere Haltung zur Selbstbefriedigung als Erwachsene. Von den
älteren Befragten waren nur 63,2% der 50- bis 59-Jährigen und 54,3% der
über 60-Jährigen der Meinung, daß Selbstbefriedigung eine eigenständige
Form der Sexualität ist, die vom
einzelnen lustvoll erlebt werden kann.
Von den befragten
Jugendlichen haben sich 25,1% der Jungen und 54,6% der Mädchen noch nie
selbst befriedigt. Bei der ersten Selbstbefriedigung waren die
Jugendlichen durchschnittlich 13 Jahre alt. Einige wenige Jungen und Mädchen
begannen mit Selbstbefriedigung im Alter von 6 Jahren. Etwa ein Drittel
der befragten Jugendlichen hatte seine ersten Erfahrungen mit
Selbstbefriedigung vor dem 13. Lebensjahr gesammelt. Knapp ein Drittel hat
bei der Selbstbefriedigung manchmal ein schlechtes Gewissen, zwei Drittel
spüren hingegen keine Gewissensbisse.
Gleichgeschlechtliche Kontakte
Von Erfahrungen mit
gleichgeschlechtlichen Kontakten berichten nur 6,0% der Jungen und 6,1% der Mädchen.
Die meisten dieser Jungen erlebten die gleichgeschlechtlichen Kontakte im
Alter zwischen 13 und 15 Jahren, die Mädchen im Alter von 14 Jahren.
Bis zum Alter von 10 Jahren hatten 12,5%
dieser Jungen und 20,0% dieser Mädchen gleichgeschlechtliche Kontakte
erlebt. Bis zum Alter von 13 Jahren waren es 56,8% der Jungen und 50,6%
der Mädchen. Die andere Hälfte dieser Jugendlichen machten ihre
gleichgeschlechtlichen Erfahrungen im Alter zwischen
14 und 17 Jahren (siehe Grafik).
Bei der
Suche nach der sexuellen Identität mögen Neugier und Gelegenheit eine Rolle
spielen, denn
bei Freizeitaktivitäten und in Cliquen kommen sich gleichgeschlechtliche
Jugendliche, die noch wenig Erfahrung im Umgang mit dem anderen Geschlecht
haben, eher näher als Jugendliche verschiedenen Geschlechts.
Ob homo-, bi- oder
heterosexuell Jugendliche stehen der Homosexualität offener gegenüber
als Erwachsene. Während über drei Viertel der Jugendlichen der
Auffassung sind, daß Homosexualität zunehmend gesellschaftlich toleriert
wird, teilen nur knapp zwei Drittel
der Erwachsenen diese Meinung. Unter den Erwachsenen sinkt die Toleranz
von Homosexualität mit zunehmendem Alter.
Obwohl nur 6% der
Jugendlichen über gleichgeschlechtliche Erfahrungen berichteten, mag die
Anzahl der Homo- oder Bisexuellen unter ihnen höher sein. Von der
Mehrheit der heterosexuellen Jugendlichen wird diese Form der Sexualität
akzeptiert. Dies läßt die Prognose zu, daß die Gesellschaft der Zukunft
weniger Vorbehalte gegenüber Homosexualität hat.
Quelle:
Forschungsstelle für
Sexualwissenschaft und Sexualpädagogik, Universität Landau,
August-Croissant-Str. 5, 76829 Landau (http://fss.uni-landau.de)
Tel.: 06341/ 990-162
E-mail: fsus@uni-landau.de Kluge, N. (1998).
Sexualverhalten Jugendlicher heute. Weinheim: Juventa
Kluge, N. und Sonnenmoser, M. (2000). Sexualleben der Deutschen.
Forschungsbericht