Alleinerziehende - Risiken und Chancen auf dem Arbeitsmarkt
Kurzzusammenfassung des Forschungsberichtes (Stand: November 2001)
1. Einleitung
Das vorliegende Forschungsprojekt fokussiert die Situation
Alleinerziehender in Thüringen. Die drei Forschungspartner widmeten sich
dabei schwerpunktmäßig spezifischen Fragestellungen: den Lebenslagen
Alleinerziehender, speziell ihren Kind-, Partnerschafts- und
Erwerbsorientierungen (Universität Erfurt), deren
Kinderbetreuungsaufgaben sowie den darauf bezogenen Bewältigungsformen
und Gestaltungsmöglichkeiten (Fachhochschule Erfurt) und den
strukturellen Arbeitsmarktbedingungen Alleinerziehender (START e. V.). Um
der Komplexität des Forschungsgegenstandes gerecht zu werden, konnte eine
mehrdimensionale Methodenkombination angewandt werden: Mittels Fragebogen
wurde eine Repräsentativerhebung mit 649 allein erziehenden Frauen und Männern
durchgeführt. Die weitere Datengewinnung erfolgte außerdem mittels
ExpertInneninterviews, leitfadengestützten sowie biographischen
Interviews mit Alleinerziehenden, Telefonbefragungen und
Gruppendiskussionen. Aus der Vielfalt der dabei gewonnenen Ergebnisse können
im Folgenden skizzenartig einige zentrale Befunde vorgestellt werden.
2. Alleinerziehende: Lebenslagen und Lebensformen Heterogenität der
Lebenslage Alleinerziehender
Die Lebenslage Alleinerziehender in Thüringen erweist sich als
deutlich heterogen. Dieses Ergebnis korrespondiert mit empirischen
Resultaten aus bundesweiten Studien über Alleinerziehende, wonach
festgestellt wird, dass es die Alleinerziehenden als
gesellschaftlich homogene Gruppe nicht gibt.
Zur weiteren Differenzierung dieser Heterogenität konnten für Thüringen
unter Zugrundelegung vielfältiger sozialer Lebenslagekriterien aus den
nach Chancen und Risiken unterscheidbaren Antworten zu Erwerbstätigkeit,
Schulausbildung, Kinderbetreuung und Beziehung zum Kind, Partnerschaft,
finanzielle Lage, Bewältigungskompetenzen, Netzwerke u. a. fünf
voneinander unterscheidbare Gruppierungen ermittelt werden. Die größte
Kategorie weist einen deutlichen Chancenbezug auf. Diese Alleinerziehenden
haben tendenziell eine bestehende Partnerschaft, ein harmonisches
Zusammenleben mit den Kindern und höhere Berufsqualifikationen sowie
stabile Beschäftigungsverhältnisse. Sie können als Gruppe mit hohem
Maß an Zufriedenheit (229 Personen) bezeichnet werden. Die weiteren
vier Kategorien bzw. Gruppen verweisen alle auf Alleinerziehende mit
besonderen Schwierigkeiten. In der einen Kategorie finden sich diejenigen
Alleinerziehenden, welche eine hohe Unzufriedenheit durch die
berufliche Situation (145 Personen) beklagen und häufiger als andere
in ländlichen Regionen leben, über eine geringe schulische und
berufliche Qualifikation verfügen, öfter arbeitslos sind und sich selbst
eher als Risikogruppe einschätzen. Deutliche Probleme hat auch die Gruppe
mit einer belasteten Familiensituation älterer Alleinerziehender
(138 Personen), welche sich neben dem höheren Alter der Befragten hauptsächlich
dadurch charakterisiert, dass diese mit ihren eher älteren Kindern im
Haushalt in einem negativen Familienklima zusammenleben, und dies trotz häufigerer
Erwerbstätigkeit und tendenziell höherem Einkommen. Mit der Kategorie
Schwierigkeiten in der Kleinkindbetreuung (83 Personen) kann eine
weitere problembehaftete Gruppe bezeichnet werden; es sind dies in erster
Linie Alleinerziehende, welche jüngere Kinder haben, häufig und hauptsächlich
Einkommen in Form von staatlichen Leistungen wie Kinder-, Wohn- oder
Erziehungsgeld erhalten und von der Unvereinbarkeit ihres Familienlebens
mit ihren beruflichen Perspektiven berichten. In einer weiteren Gruppe mit
sozialen Schwierigkeiten sind diejenigen mit Defiziten im sozialen
Netzwerk (54 Personen); häufig sind dies Alleinerziehende mit mehreren
Kindern, mit unzureichender Unterstützung bei der Kinderbetreuung, im
emotionalen Bereich der Wertschätzung und Befragte, welche besondere
Unterstützungsbedarfe einklagen und häufiger als andere Berufsunfähigkeits-,
Witwen- oder Waisenrenten beziehen.
In Ergänzung zu bisherigen häufig an Netzwerken,
Beziehungsstrukturen oder Entstehungszusammenhängen orientierten
Untersuchungen der Lebenslagenheterogenität Alleinerziehender kann nun
eine neue Hypothese aufgestellt werden: Ungefähr einem Drittel aller
Alleinerziehenden geht es ausgesprochen gut und rund zwei Drittel aller
Alleinerziehenden bilden spezifische Problem- und Risikogruppen.
Die Lebensform Alleinerziehend
Die Analysen zur Lebensform Alleinerziehend lassen die Schlussfolgerung
zu, dass sich zwischen den Normal-Familien und den statistisch
erfassten Einelternfamilien eine Vielfalt von untypischen bzw.
nicht-normierten Einelternfamilien etabliert. Beispielsweise bestehen
innerhalb der Gruppe der Alleinerziehenden Unterschiede hinsichtlich der
Selbstdefinition. Diese Selbsteinschätzung ist hauptsächlich, aber nicht
ausschließlich, strukturell bedingt: So sind diejenigen, die sich selbst
nicht als allein erziehend beschreiben, vorrangig Alleinerziehende, wo der
neue Partner/die neue Partnerin Erziehungsverantwortung übernimmt
und/oder eine Haushaltsgemeinschaft mit PartnerIn besteht. Die
unterschiedlichen Sichtweisen darauf, wer als allein erziehend gelten
kann, spiegeln sich auch in den von den Befragten genannten relevanten
Merkmalen der Lebensform wider. Mehrheitlich werden jedoch von den
Befragten die Übernahme der Alleinverantwortung für die Kinder, das Ausfüllen
von Vater- und Mutterrolle sowie die Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe
als charakteristisch für die Lebensform bestimmt.
Institutionalität und Pluralität die alltägliche Organisation
der Kinderbetreuung Bei den erfragten Einstellungen zu
Kinderbetreuungsaufgaben wurden in hohem Maße erziehungssensible
Einstellungen deutlich. Fast alle Alleinziehenden erachten eine Entlastung
durch stundenweise, flexible Kinderbetreuungsmöglichkeiten für sinnvoll.
Deutlich über die Hälfte der befragten Alleinerziehenden schätzen in
diesem Zusammenhang die Krippenbetreuung oder die Tagesmütterbetreuung
als eine gute Möglichkeit der Kinderbetreuung ein. Auch frühkindliche
Bedürfnisse werden tendenziell sehr aufmerksam wahrgenommen. Vor allem
den Kindern über 6 Jahren wird von den befragten Alleinerziehenden viel
Freiraum, vor allem aber auch Orientierungshilfe durch Schulen und
Kinderhorte zugedacht. Sie sollen möglichst eigene Aktivitäten umsetzen
und sowohl Phantasie als auch Kreativität entwickeln. Den Kindern über
12 Jahren wird von den Alleinerziehenden viel Eigenständigkeit, das Recht
auf Erfahrungs- und Abenteuersuche, aber auch an begleitender Solidarität
zugesprochen. Deutliche Forderungen gehen erneut an die Schulen, diese
sollten für Jugendliche mehr Freizeitgestaltung anbieten. Insgesamt kann
festgehalten werden, dass die Alleinerziehenden Thüringens sowohl starke
Bezüge zur institutionellen Kinderbetreuung herstellen, als auch eine
hohe Eigenbeteiligung hinsichtlich der Realisierung von
Kinderbetreuungsaufgaben zeigen.
Deutliche Wünsche nach einer Pluralisierung des
Kinderbetreuungsangebotes bestehen bei vielen allein erziehenden Frauen.
Sie können sich im Gegensatz zu allein erziehenden Männern gut
vorstellen, alternative Möglichkeiten der Kinderbetreuung wie
Selbsthilfeinitiativen, Oma-Opa-Hilfsdienste, selbstverwaltete
Kinderinitiativen oder Tagesmütter aufzugreifen und umzusetzen.
Hinsichtlich der Tagesmütter-Betreuung wurden einige Ambivalenzen
deutlich. Diese Kinderbetreuungsform ist zwar ausreichend bekannt und in
den Vorstellungen gewünscht, wird aber nur von 1,5 % der informierten
Alleinerziehenden über die Vermittlung der Jugendämter praktisch
genutzt. Bei der privat organisierten Tagesmütter-Betreuung ist die Quote
mit 13,1 % deutlich höher. Hinweise auf die Hintergründe dazu geben die
befragten Alleinerziehenden, indem sie auf Engpässe im Tagesmütterangebot,
auf Schwierigkeiten in der Finanzierbarkeit und auf teilweise ausreichende
institutionelle Kinderbetreuung verweisen.
Durch die Organisation der Kinderbetreuung entstehen bei über der Hälfte
der Befragten keine Probleme und bei über einem Drittel treten
Schwierigkeiten auf. Von den Befragten mit Problemen in der
Kinderbetreuungsorganisation ziehen sich die meisten mittels Selbstbekräftigungs-
und Zeitgestaltungskompetenzen aus dieser prekären Lage. Die wenigsten
verfügen allerdings über Netzwerk-Kompetenzen.
Kindliche Entwicklung und Beziehungsgestaltung in Einelternfamilien
beschreiben die Befragten überwiegend als positiv. Probleme werden vor
allem dort genannt, wo eine negative Gesamtbilanz des Lebens gezogen wird.
D. h. hier deutet sich an, dass aufgrund größeren Alltagsstresses und
Unzufriedenheit mit der gesamten Lebenssituation Alleinerziehen eine Überlastung
bedeutet.
Weiterhin bedeutet das Vorliegen besonderer Belastungen in Form von
Verhaltensauffälligkeiten, schulischen Problemen, gesundheitlichen Störungen
und Behinderungen bei den Kindern trotz eines gut funktionierenden
sozialen Sicherungssystems zusätzliche Anstrengungen in der Alltagsbewältigung
allein erziehender Eltern. Die vorliegende Untersuchung ergab bei rund 32
% der Alleinerziehenden, dass ihr Kind/ihre Kinder solche besonderen
Belastungen zu tragen haben, wobei die Frage der Kausalität jedoch einer
besonderen Beforschung bedarf. Insgesamt bei 4 % der Alleinerziehenden
leben Kinder mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung. Offenbar
sind die besonderen Belastungen der Kinder ein Bestandteil der
Alltagssituation Alleinerziehender.
Finanzielle Lage
Die befragten Alleinerziehenden sind von materiellen Risikolagen
besonders betroffen, dies verdeutlichen die Ergebnisse in den unteren
Haushaltsnettoeinkommensklassen. 4,2 % aller befragten Alleinerziehenden
haben weniger als 1000,-- DM, 19,7 % verfügen über 1000,-- bis unter
1800,-- DM, 25,8 % erhalten 1800,-- bis unter 2500,-- DM und 15,7 % haben
2500,-- bis unter 3000,-- DM zur Verfügung. Viele Alleinerziehende sind
aber auch ökonomisch relativ gesichert, z. B. haben 18,6 % ein
Haushaltsnettoeinkommen zwischen 3000,-- und 4000,-- DM. Das monatliche
Haushaltsnettoeinkommen ist bei denjenigen deutlich niedriger, die sich
selbst als allein erziehend bezeichnen, die eine niedrige berufliche
Position oder einen niedrigen Schulabschluss haben, die z. Zt. keine
Partnerschaft haben, die jünger sind, die nicht erwerbstätig oder
arbeitslos sind, Sozialhilfe beziehen oder die bereits mehrfach allein
erziehend waren. Umgekehrt ist das monatliche Haushaltsnettoeinkommen bei
denjenigen deutlich höher, die entsprechend entgegengesetzte
Lebenslagekriterien aufweisen. Am häufigsten belastet diejenigen, die
finanzielle Sorgen haben, das nicht ausreichend existenzsichernde
Einkommen aus eigener Erwerbstätigkeit.
Soziale Beziehungen und soziale Unterstützung
Bezüglich der Bedeutsamkeit sozialer Unterstützung lässt sich eine
das Wohlbefinden fördernde Wirkung sozialer Unterstützung bei
Alleinerziehenden belegen: Befragte, die sich zufrieden mit der erhaltenen
Unterstützung zeigen, äußern insgesamt eine positivere Lebenseinschätzung.
Das verweist auf den hohen Stellenwert, den eine zufriedenstellende
soziale Unterstützung für die Alltagsbewältigung Alleinerziehender
hat.
Die Alleinerziehenden sind überwiegend zufrieden mit der erhaltenen
Unterstützung außer in Bezug auf finanzielle Hilfen. Dieser Befund
macht deutlich, dass offenbar ein Großteil der Befragten eine Balance
erreicht hat zwischen den eigenen Ressourcen und dem Erhalt von Unterstützung.
In Bezug auf den Erhalt sozialer Unterstützung orientieren sich die
Alleinerziehenden vorrangig auf ihre personalen Netzwerke. Dieser Befund
korrespondiert auch mit den Ergebnissen dazu, welche Unterstützung von
den Befragten tatsächlich erhalten wird: Hier überwiegen deutlich
private gegenüber institutionellen Unterstützungsleistungen; die private
Unterstützung ist nicht nur quantitativ bedeutsamer, sondern zudem auch
vielfältiger. Von Personen erhalten Alleinerziehende vorrangig emotionale
Unterstützung und Hilfen bei der Kinderbetreuung, während sich die
Unterstützung von Institutionen und Organisationen vorrangig auf
finanzielle Transfers beschränkt. Fast die Hälfte der Alleinerziehenden
erhält jedoch keinerlei institutionelle Unterstützung, was darauf
verweist, dass diese Befragten ihre Lebenssituation auch ohne diese Hilfen
bewältigen wollen bzw. können.
Im Fall einer Nutzung von Beratungsdiensten sind dies vielfach die
Jugendämter, die Arbeitsämter, die Wohnungsämter, die Sozialämter, die
Anwälte und die medizinischen Leistungen von ÄrztInnen und Krankenhäusern.
Auch die Psychologischen Kinder- und Jugendberatungsstellen und die
Gesundheitsämter werden relativ stark konsultiert. Die große Akzeptanz
von Professionellen traditioneller Hilfeberufe und von Ämtern der Sozialbürokratie
unterstreicht somit die zentrale Bedeutung sozialstaatlicher Leistungen
als unabdingbare Stützen zur Bewältigung des Alltags. Zur verhältnismäßig
schwachen Nutzung der Verbände Alleinerziehender und weiterer
Beratungsstellen bleibt zu vermuten, dass womöglich in den Kontaktverläufen
angelegte Effekte, relative Unbekanntheiten oder Hochschwelligkeiten
eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen dürften.
Bezüglich der unterstützenden Funktion von Partnerschaften
Alleinerziehender wurde festgestellt, dass dort, wo Partnerschaften
bestehen, die privaten Unterstützungsleistungen einen besonders hohen
Stellenwert haben. Die hauptsächliche Unterstützungsfunktion der
PartnerInnen ist in den emotionalen und wertschätzenden Dimensionen
angesiedelt. Feste Partnerschaften bestehen bei 41 % der Befragten.
Einschätzung der Lebenssituation Die Alleinerziehenden sehen vor allem
in der Beziehung zum Kind/zu den Kindern, im Selbstvertrauen und in der
Alleinverantwortung wichtige Vorteile ihrer Lebenssituation. Dem gegenüber
nennen sie an erster Stelle finanzielle Probleme als wichtigsten Nachteil
der Situation als Alleinerziehende. Bei der Gegenüberstellung von Vor-
und Nachteilen fällt auf, dass die Alleinerziehenden deutlich mehr
Nachteile als Vorteile benennen und auch insgesamt ein deutliches Überwiegen
der Nachteile beschreiben (37 % der Befragten).
Die sozioökonomische Situation der Befragten spielt bei der
Bilanzierung von Vor- und Nachteilen eine herausragende Rolle, wobei hier
Probleme kumulieren können: Dort wo ein Überwiegen der Nachteile
konstatiert wird, leben zumeist mehrere Kinder, wird die finanzielle
Situation als belastend eingeschätzt, sind die Befragten seltener
erwerbstätig, aber häufiger arbeitslos und unzufrieden mit dem Erhalt
von Unterstützung bei der Kinderbetreuung sowie von finanziellen Hilfen.
Diese Ergebnisse zu den Vor- und Nachteilen der Lebenssituation stehen
weitestgehend in Übereinstimmung mit den Befunden zu den Belastungen und
Ressourcen Alleinerziehender: Vor allem die Kinder, hier die Beziehungs-
und Erziehungsqualität sowie die kindliche Entwicklung, und die eigene
Familie/das Familienklima werden auch hier als positive Lebensbereiche
definiert. An erster Stelle der Belastungen des Alleinerziehens steht die
finanzielle Situation.
Die Befragten gewinnen ihrem Leben jedoch insgesamt mehr positive als
negative Seiten ab. Dass die Befragten angesichts des Überwiegens der
Nachteile der Lebenssituation eine positive Gesamtbilanz ihrer
Lebenssituation ziehen, kann dahingehend interpretiert werden, dass die
Alleinerziehenden die (neue) Lebensform z. T. auch als Chance sehen, ihre
Lebensvorstellungen zu realisieren, bzw. diese auch im Kontrast zu einer
vorhergehenden unbefriedigenden Partnerschaft erleben. Die Gesamtbilanz fällt
insbesondere dort aber negativ aus, wo die Alleinerziehenden ihre
finanzielle Situation als negativ einschätzen und wo die Kinder besondere
Belastungen zu tragen haben. Das Vorhandensein einer Partnerschaft,
Erwerbstätigkeit sowie eine zufriedenstellende soziale Unterstützung
haben dem gegenüber eine positive Wirkung auf die Bewertung der
Lebenssituation.
Selbsthilfegruppen Die quantitative Entwicklung der Selbsthilfegruppen
Alleinerziehender ist zwar leicht ansteigend, aber in der Kontinuität und
Stabilität brüchig. Es zeigt sich eine deutliche Ambivalenz zwischen der
Aufgeschlossenheit in den Einstellungen der Befragten und der tatsächlichen
Umsetzung dieser Form von Selbsthilfe. Es kann u. a. vermutet werden, dass
Selbsthilfeinitiativen in den neuen Bundesländern kulturell gering
tradiert sind oder dass es an ehrenamtlich engagierten oder
professionellen Bezugspersonen zur Initiierung und Aufrechterhaltung der
Gruppen mangelt.
3. Alleinerziehende auf dem Arbeitsmarkt
Erwerbstätige
Eine hohe Beschäftigungsquote innerhalb des Samples deckt sich mit
anderen Untersuchungen zur Situation allein erziehender Frauen in
Ostdeutschland. Erwerbstätigkeit ist die wichtigste Einkommensquelle, die
in ihrem Selbstverständnis auch durch biographische Erfahrungen mit ökonomischer
Selbständigkeit und Selbstbestimmung verbunden ist. Die erwerbstätigen
Alleinerziehenden sind zu einem hohen Prozentsatz unbefristet tätig. Sie
sind zu einem überwiegenden Teil mit ihrer aktuellen Tätigkeit zufrieden
und beurteilen zu einem hohen Prozentsatz ihre Arbeitswelt als
familienfreundlich.
Diejenigen, die in der Tendenz mehr Vereinbarkeitsprobleme bei einer
hohen wöchentlichen Arbeitszeit angegeben haben, arbeiten häufiger in höheren
beruflichen Positionen und bezeichnen ihre Arbeitswelt als
familienunfreundlich. Die wöchentliche Arbeitszeit liegt bei einem großen
Teil bei 36 bis 40 Stunden wöchentlich, 29 % der Befragten arbeiten sogar
mehr als 40 Stunden. Bei einem überwiegenden Teil besteht der Wunsch nach
einer Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit.
Nichterwerbstätige
Die nichterwerbstätigen Alleinerziehenden sind überwiegend
arbeitsuchend. Gründe für die Nichterwerbstätigkeit liegen vielfach
darin, dass bisher keine oder keine geeignete Stelle gefunden wurde.
Spezielle Hinweise liegen in angebotenen Tätigkeiten, die nicht dem
Qualifikationsniveau der letzten Stelle entsprechen, bzw. einer
notwendigen beruflichen Qualifizierung oder Neuorientierung für einen
Wiedereinstieg. Aber auch direkte bzw. indirekte Ausgrenzung durch
Arbeitgeber, fehlende Teilzeitstellen und geringe Verdienstmöglichkeiten,
die nicht den Lebensunterhalt der Familie sichern, wurden benannt. Eine
indirekte Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt zeigt sich vor allem durch Mobilitätsprobleme.
Eine direkte Ausgrenzung wird in einer tendenziellen Weigerung durch
Personalleitungen gesehen, jüngere Alleinerziehende mit kleineren Kindern
einzustellen. Nichterwerbstätigkeit durch familiäre Verpflichtungen
betrifft tendenziell jüngere Frauen mit kleineren Kindern.
Qualifizierungs- und Neuorientierungswünsche äußern vor allem
Alleinerziehende mit zunehmendem Alter.
Die erwerbs-/arbeitslosen und arbeitsuchenden Personen des Samples sind
fast alle weiblich und überwiegend 30 bis 40 Jahre alt. Sie leben mit ein
bis zwei Kindern im Haushalt und sind überwiegend ledig bzw. geschieden.
Zum größten Teil verfügen sie über mehrere Facharbeiterabschlüsse
bzw. Teilfacharbeiter- oder keine Abschlüsse. Sie waren in ihrer letzten
beruflichen Position überwiegend als einfache bzw. mittlere Angestellte
oder Facharbeiterinnen tätig oder arbeiteten als ungelernte bzw.
angelernte Arbeiterinnen. Sie benennen ihre finanzielle Situation überwiegend
als belastend. Am liebsten würden sie sofort ins Erwerbsleben einsteigen,
manche nur bei einer möglichen Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder
einer geeigneten beruflichen Qualifizierung. Berufliche Tätigkeit nimmt
einen hohen Stellenwert ein.
Abschlüsse und berufliche Qualifizierung
Der überwiegende Teil der befragten Alleinerziehenden verfügt über
einen 10.-Klasse-Abschluss (57,9 %). Ausbildungsabschlüsse wurden
schwerpunktmäßig im kaufmännischen und gewerblich-technischen Bereich
als Fach- und Berufsfachschulabschlüsse sowie Fach- und Hochschulabschlüsse
und z.T. mehrere Facharbeiterabschlüsse abgelegt.
Diese unterschiedlichen Ausgangspositionen innerhalb der schulischen
und beruflichen Ausbildung drücken sich auch in den beruflichen
Positionen der Befragten aus. Lediglich ein geringer Teil geht Tätigkeiten
in höheren leitenden Positionen nach. Die Hälfte der Personen mit
Teilfacharbeiterabschlüssen geht jedoch einer un- bzw. angelernten Tätigkeit
nach, gefolgt von den Alleinerziehenden mit mehreren Facharbeiter- und
Meister- bzw. Technikerabschlüssen. Diese Problematik deckt sich mit den
Ergebnissen anderer Erhebungen und wird ursächlich darin gesehen, dass
Alleinerziehende durch die auf ihnen lastende Doppelbelastung und
Alleinverantwortung aus Gründen der Existenzsicherung auch andere
zumutbare Arbeit annehmen müssen.
Berufliche Qualifikation bei Risikogruppen Bei den klassischen
Risiken der Arbeitslosigkeit, des Sozialhilfebezugs und der Elternzeit
sind die oberen Positionen im Berufsgefüge äußerst schwach besetzt. Die
unteren und mittleren Berufsgruppen Facharbeiterinnen und
einfache/mittlere Angestellte dominieren. Auffallend stark vertreten
sind auch die un- und angelernten Arbeiterinnen. Allein erziehende Frauen
sind von den genannten drei Risiken deutlich häufiger betroffen als die
allein erziehenden Männer.
Berufliche Orientierung Alleinerziehender
Bezüglich der Erwerbs- und Familienorientierung Alleinerziehender
lassen sich zwei Gruppen bilden. Alleinerziehende der ersten Gruppe sind
eher berufsorientiert, weitere Merkmale sind eine Tendenz hin zu höherer
schulischer Qualifikation, zu aktueller Erwerbstätigkeit und zu höherem
Einkommen. Hierzu gehören eher ältere Alleinerziehende mit älteren
Kindern, die mit ihrer beruflichen Situation eher zufrieden sind. Die
Vorteile ihrer Situation überwiegen. Die Gesamteinschätzung der
Lebenssituation im allgemeinen ist deutlich positiver gegenüber der
zweiten Gruppe der Berufs- und Familienorientierten. In dieser
zweiten Gruppe finden sich häufiger Sozialhilfeempfängerinnen. Hierunter
fallen wahrscheinlich viele allein erziehende Frauen mit kleinen Kindern,
die sich in der Erziehungszeit befinden. Sie erleben ihre finanzielle
Situation als eher belastend und haben einen tendenziellen Wunsch nach Veränderung.
Die Alleinerziehenden äußern zudem zwar deutlich egalitäre
Ansichten zur Erwerbstätigkeit der Frau und den Geschlechterrollen,
dennoch sind sie nicht frei von traditionellen Rollenerwartungen.
Die Analyse ergab, dass die Einstellungen dort weniger egalitär
sind, wo kleine Kinder zu versorgen sind.
Durchgängig wichtiger Einflussfaktor auf die Einstellungen zur
Erwerbstätigkeit von Mann und Frau und damit einhergehenden
Geschlechtsrollenvorstellungen ist auch die gegenwärtige Erwerbstätigkeit
der Befragten. Hier gehen mit der Erwerbstätigkeit stärker egalitäre
Ansichten einher. Weniger egalitär sind die Ansichten der Befragten
jedoch durchgängig dort, wo diese ein niedriges Einkommen haben und/oder
ihre finanzielle Situation als belastend erleben. Es lassen sich eher
traditionelle Werte vor allem dort finden, wo eine soziale Randständigkeit
gegeben ist.
Das Arbeitsamt und die Untersuchung seiner Tätigkeit Ein hoher
Prozentsatz der Befragten (72,3 %) hatte bereits Kontakt mit dem
Arbeitsamt. Die Erfahrungen, die mit dessen Tätigkeit gemacht wurden,
werden eher negativ eingeschätzt. Die Kritik bezieht sich auf fehlende
Angebote speziell für Alleinerziehende bzw. Frauen in der
Arbeitsvermittlung sowie auf fehlende Berücksichtung des familiären
Kontextes und der Kontakte des Arbeitsamtes zu Arbeitgebern. Insgesamt
zeigen die Ergebnisse, dass die befragten Alleinerziehenden den Arbeitsämtern
ein breites Aufgabenspektrum zuordnen, aber gleichzeitig sich kritisch über
die tatsächlich geleistete Arbeit der Ämter äußern. Vor diesem
Hintergrund erweist es sich um so bedauerlicher, dass das Arbeitsamt eine
im Rahmen dieses Projektes geplante Befragung von ArbeitsvermittlerInnen
abgelehnt hat.
Die Erwerbssituation der Alleinerziehenden aus der Sicht der
Alleinerziehenden
Ein Blick auf die erfragten Wünsche der Alleinerziehenden hinsichtlich
betrieblicher Maßnahmen zeigt, dass sie im Schwerpunkt bei Maßnahmen
liegen, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstützen, denn
gerade in diesem Bereich häufen sich die Belastungen. Für wichtig
gehalten werden in erster Linie Maßnahmen, die sich auf eine bessere
Wahrnehmung Alleinerziehender und besonderes Entgegenkommen durch die
Unternehmen beziehen, wie spezielle Wiedereinstiegsprogramme nach der
Familienpause, Kündigungsschutz und Gewährleistung der Kinderbetreuung.
An zweiter Stelle stehen Wünsche nach finanziell relevanten Maßnahmen,
die sich auf die Deckung von Kinderbetreuungskosten beziehen oder
Kinderbetreuung sichern helfen.
Die Arbeitssituation ist durch eine hohe wöchentliche Arbeitszeit und
einen hohen Überstundenanteil gekennzeichnet. Zur besseren Vereinbarkeit
von Familie und Beruf wurde Teilzeitarbeit bei existenzsicherndem
Einkommen gewünscht. Die beruflichen Zukunftsvorstellungen der befragten
Alleinerziehenden sind durch ein starkes Qualifizierungsstreben
gekennzeichnet.
Alleinerziehende als Beschäftigtengruppe aus der Sicht von
Personalleitungen Alleinerziehende werden durch die Unternehmen nicht als
besondere Beschäftigtengruppe, bei genauerem Hinsehen jedoch als Einzelfälle
wahrgenommen. Hiernach weisen Alleinerziehende im Wesentlichen keine
Unterschiede zu anderen Beschäftigten auf, zum Teil jedoch gelten sie als
weniger flexibel. Interessanterweise werden Motivation und Organisationsfähigkeit
von Alleinerziehenden von einigen sogar positiver bewertet.
Die Problematik des Alleinerziehens, im Hinblick auf
Arbeitszeitbelastung und nicht ausreichend flexiblen Kinderbetreuungsmöglichkeiten,
wird von einem Teil der Unternehmen als Privatsache charakterisiert. Dass
Alleinerziehende als Beschäftigtengruppe bei einer hohen objektiven und
subjektiven Belastung hinsichtlich der Vereinbarkeitsproblematik nicht
wahrgenommen werden, zeigt ihre hohe Leistungsbereitschaft und
Anpassungsleistung an bestehende Arbeitsplatzbedingungen.
Alleinerziehende in Thüringer Unternehmen
Die Ergebnisse einer Telefonbefragung zeigen, dass fast 30 % der
untersuchten Unternehmen einen Alleinerziehendenanteil von 6-16 %
aufweisen. 36 % der Unternehmen hatten demgegenüber keine allein
erziehenden Beschäftigten. Hier wird deutlich, dass Alleinerziehende
keine marginale Beschäftigtengruppe darstellen.
Etwa 70 % der Unternehmen bieten den Beschäftigten Gleitzeit bzw.
flexible Arbeitszeit an, die sich auch an Familienbelangen orientieren
kann. Generell gibt es aber in allen Unternehmen keine Betriebskindergärten
und keine Zuschüsse zur Kinderbetreuung, jedoch besteht bei knapp der Hälfte
der untersuchten Unternehmen bei Problemen mit der Kinderbetreuung die
Gelegenheit, Lösungsmöglichkeiten im Unternehmen zu suchen und auch
interne Arrangements auf kollegialer Ebene sind bei der Mehrheit der
Unternehmen Normalität.
In der Zukunft haben nach Aussage der PersonalleiterInnen allein
erziehende Beschäftigte für die Unternehmen keine zunehmende Bedeutung
(61,5 %).
4. Schlussfolgerungen
Aus den empirischen Ergebnissen lassen sich vier kurz skizzierbare
Handlungsfelder ableiten: Die Geschlechterbeziehungen und die damit
einhergehende Notwendigkeit, tradierte Rollenverständnisse zu
hinterfragen und neue Arrangements zwischen Müttern und Vätern zu
gestalten; Alleinerziehen als eigenständige Lebensform mit der
Reflexion der strukturellen Risiken des Alleinerziehendseins;
Vereinbarkeit von Familie und Beruf als weiterzuentwickelnder
Handlungsbereich im öffentlichen Sektor und im privaten Bereich; Stärken
von Alleinerziehenden und die Anerkennung u. a. als Management
kompetenzen.
In Anlehnung an die genannten Handlungsfelder wurde beispielhaft eine
berufliche Weiterqualifizierungsmaßnahme für allein erziehende Frauen in
besonderen Lebenslagen entwickelt, deren Implementierung zusätzlich
angestrebt wird. Die Projektergebnisse dienen für weitere konkrete
Projekte und querschnittspolitische Maßnahmen, welche einen Zuschnitt auf
die spezifischen Möglichkeiten und Notwendigkeiten Alleinerziehender berücksichtigen
wollen.
Quelle: Pressestelle der FH-Erfurt
Kontakt: Prof. Dr. Ronald Lutz, FH Erfurt, Tel. (0361) 6700-510, lutz@soz.fh-erfurt.de
Veronika Hammer, FH Erfurt, Tel. (0361) 6700-604, v.hammer@soz.fh-erfurt.de
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